Warum -gate?

26. Januar 2012 in Linguistik in der Öffentlichkeit, Linguistische Debatten

Gestern hatten sich gleich zwei Linguistik-Blogs mit meinem Vorschlag für den Anglizismus des Jahres 2011, -gate, beschäftigt. Zum einen hätten wir da Kristin Kopfs Beitrag in ihrem Blog [ʃplɔk] (im Weiteren „Kristin“) und zum anderen Susanne „Suz“ Flach’s1 Beitrag in ihrem Sprachblog */ˈdɪːkæf/ (im Folgenden „Suz“).

Warum -gate?

Zunächst ein paar Worte zur Nominierung und meiner Begründung derselben.

Allem voran freut es mich, dass ich ein wichtiges Ziel, das ich bei der Nominierung im Sinn hatte, bereits etappenweise erreicht habe: Es wird drüber geredet und das mit notwendiger Tiefe.

Der wohl einzige Grund, warum ich die Wahl zum Anglizismus des Jahres überhaupt unterstütze, liegt darin, dass man sie als Aufhänger für eine populärwissenschaftliche Betrachtung sprachwissenschaftlicher Themen heranziehen und damit die Sprachwissenschaft als solche einem breiteren Publikum nahe bringen kann. Meiner Meinung nach eignet sich das Affix (?) -gate dafür hervorragend: Um zu erklären, was es damit auf sich hat, was die Besonderheiten dieses Wortes oder Wortteiles sind, muss man recht tief in die Linguistik einsteigen; und das auf mehreren Ebenen, darunter Morphologie, Semantik, Etymologie, Pragmatik und (vielleicht) Phonologie.

Genau das tun Kristin und Suz, also hätte ich mein Ziel im Prinzip bereits erreicht.

Morphologie

Meine Intuition bei der Nominierung war, dass es sich bei -gate um ein so genanntes gebundenes Morphem handelt. Das sind Wortteile, die nur in Verbindung mit anderen Wörtern oder Wortteilen auftauchen können, aber nicht alleine. Ein klassisches Beispiel dafür wäre die Himbeere. Das ist ein zusammen gesetztes Wort, das aus den Teilen him und beere besteht. Beere ist ein eigenständiges Wort, genauer: ein freies Morphen, d.h. wir können es allein verwenden, wie in Ich esse leckere Beeren, oder es an andere Wörter anhängen:

  • Erd-Beeren,
  • Blau-Beeren,
  • Braun-Bären…

Bei diesen Beispielen sind auch die jeweiligen Erstglieder freie Morpheme, die wir wiederum alleine oder an Anderes angehängt verwenden können:

  • Ich esse blaue Beeren
  • Ich trinke Blausäure
  • Ich esse Erde
  • Ich esse Erdäpfel2

Mit dem him aus Himbeere ist das aber nicht möglich. Dieses him ist an die Tatsache gebunden, dass es nur in Verbindung mit einem anderen Morphem verwendet werden darf, in diesem speziellen Fall sogar daran, dass es an das Morphem beere gebunden ist (Zumindest fällt mir kein heute noch geläufiges Beispiel ein, wo man dieses him noch anders verwenden kann).

Meine Annahme bei der Nominierung von -gate war nun, dass es sich dabei von seiner Natur her um dasselbe wie him handelt: Ein gebundenes Morphem, das man (zumindest im Deutschen) nur in Verbindung mit einem anderen Wort oder Wortteil verwenden kann.

Spätestens seit diesem Artikel in der F.A.Z. vom 21. Januar diesen Jahres weiß ich aber, dass Gate sich inzwischen morphologisch verselbständigt hat, also auch frei verwendet werden kann. Suz geht im Abschnitt Kompositum? ihrer Analyse auf weitere Beispiele für eine freie Verwendung ein und ich würde hier einlenken und zustimmen, dass gate nicht (mehr) zwangsweise gebunden sein muss. Eine hochaktuelle Entwicklung, dennoch.

Semantik

Neben der Frage nach der Wortart von Gate selbst ist auch die nach der Wortart der mit ihm gebildeten Komposita nicht uninteressant. Kristin vertritt die Auffassung, dass mittels -gate gebildete Wörter Eigennamen seien.

Eigennamen gehen mit einigen Eigenschaften einher. Wenn -gate-Komposita tatsächlich Eigennamen sind, sollten sich diese Eigenschaften dort wiederfinden lassen.

Eine Eigenschaft von Eigennamen ist, dass sie sich auf ein fest definiertes Ereignis oder eine feste (möglicherweise ein-elementige) Menge von Individuen beziehen. Namen von Personen beziehen sich auf die damit benannten; Die Oktoberrevolution von 1917 bezieht sich auf eben dieses Ereignis im Russland des ausgehenden langen 19. Jahrhunderts; Patrick Schulz aus Leipzig bezieht sich auf eben die Person, die diese Zeilen hier verfasst hat; Der Watergate-Skandal bezieht sich auf eben diesen Skandal, der den zukünftigen Earth-Präsident, Richard Nixon, dazumal zu Fall brachte. Was die -gate-Komposita betrifft, stimme ich Kristin bei der Analyse der Wortklasse zu.

Doch haben wir oben bereits herausgefunden, dass Gate sich inzwischen verselbständigt hat. Bezeichnet wird damit ein unbestimmtes Element der Menge der mittels -gate benannten Ereignisse oder, im Plural entsprechend, eine (unechte) Teilmenge derselben Menge. Damit gehört Gate zur selben Wortklasse wie beispielsweise das Wort Revolution, welches zwar in Verbindung mit anderen Teilen (wie Oktober, s.o.) durchaus einen Eigennamen bilden kann, selbst aber kein Eigenname ist, sondern schlichtweg eine Bezeichnung für eine Menge von Ereignissen.

Etymologie

Auch die Geschichte von -gate ist eine interessante Sache. Zuerst war da dieser Gebäudekomplex im Herzen von Washington, D.C., das den Namen Watergate complex trug. Dort war in den späten 1960ern und frühen 1970ern die Wahlkampfzentrale der amerikansichen Demokratischen Partei untergebracht. Unter Verantwortung des damaligen US-Präsidenten Richard M. Nixon, einem Republikaner, sollte eine Gruppe von mehreren Einbrechern Abhörwanzen im Komplex installieren. Kurz und knapp, die fünf Einbrecher ließen sich vom Wachschutz erwischen. Der US-Kongress rief daraufhin eine Untersuchungskommission ins Leben, welche die Hintergründe des Einbruchsversuches ergründen sollte und letztlich eine Menge Schmutz an die Öffentlichkeit förderte. Dieser Einbruch im Watergate-Komplex war dabei nur die Spitze des Eisberges, doch gab die dem ganen Skandal ihren Namen: Im Abschlussbericht wurde offiziell von der Watergate-Affäre gesprochen.

Nun war Watergate beileibe nicht der letzte Skandal, den die politische Landschaft zu verantworten hatte oder über sich ergehen lassen musste. Weitere folgten, überall auf der Welt. Aber auch für die brauchte man ein medienwirksames Schlagwort. Was die Benennung von Ereignissen angeht, erst recht, wenn es schnell gehen muss, sind Menschen reichlich unkreativ. Da wird geklaut und gemashupt, dass selbst megaupoad neidisch geworden wäre. Also sprach man vom „deutschen Watergate“ (Zeit, 1973, via Kristin), vom „klein-Watergate“, aber immer noch mit direktem Bezug zum „originalen“ Watergate. Mitunter hat sich das Water aber mehr und mehr verflüssigt und nur -gate ist an fester Substanz übrig geblieben um die vielen neueren Skandale zu bezeichnen, auch im Deutschen. (Für weitere Beispiele sei auf Kristin und Suz verwiesen).

Aus linguistischer ließt sich das wie folgt: Zunächst war da ein fester Eigenname für einen Gebäudekomplex, der sich (möglicherweise zufällig) in zwei Teile zerlegen lässt, nämlich water- und -gate.

Durch ein konkretes historisches Ereignis („Aufdeckung des Einbruchsversuches“) wurde das vermeintiche Kompositum mit einer neuen Bedeutung versehen („den Watergate-Skandal“). Diese neue Bedeutung wurde nun wiederum erweitert und das Kompositum bezeichnete gleich eine ganze Reihe von Ereignissen, die irgendwie an den „Watergate-Skandal“ erinnerten: Watergate hatte seinen Status als Eigennamen vorübergehend verloren und war nun ein produktiv zur Kompositabildung verwendbares Substantiv.

Aus (vielleicht nicht ganz so, s.u.) zufälligen Gründen hat sich dann aber nur -gate durchgesetzt, das diese Rolle als Platzhalter für eine Gruppe von Ereignissen („Skandale“) übernahm. „Zufällig“, weil sich prinzipiell auch, statt -gate, der Bestandteil water- als Platzhalter hätte durchsetzen können.

Ein weiteres Beispiel dafür, dass sich auch das Erstglied eines eigennamigen Kompositums in dieser Art verselbständigen kann um in Verbindung mit anderen Wörtern wieder einen Eigennamen zu bilden, ist übrigens Occupy, das von der Bezeichnung Occupy Wallstreet herrührt und ebenfalls als AdJ2011 zur Wahl steht. Der einzige wirkliche Unterschied zwischen occupy- und -gate liegt meiner Meinung nach darin, dass man Occupy seinen Status als gebundenes Morphem bzw. Teil eines Kompositums der Getrenntschreibung wegen nicht ansieht.

Pragmatik

Doch zurück zum gate. In meinem Nominierungskommentar hatte ich angegeben, dass man mit ihm gebildete Komposita hauptsächlich verwendet, um die Angewohnheit mancher Medien zu persiflieren, dass irgendwelche Ereignisse zu Skandalen aufgebläht werden, die eigentlich keine sind.

Sollte dies stimmen, hätte -gate eine weitere Bedeutungsveränderung durchlebt: Weg vom echten Skandal und hin zum künstlich erzeugten.

Kristin wies (richtigerweise) darauf hin, dass dies nicht ganz der Wahrheit entspricht: -gate wird nach wie vor auch dazu verwendet, echte Skandale als solche zu benennen.

Was die Pragmatik, also die „Wissenschaft“ von der Verwendung sprachlicher Ausdrücke, angeht, eröffnen sich auch hier interessante Untersuchungsfelder. Meine Einschätzung war meiner selektiven Wahrnehmung geschuldet. Ich bin viel auf Twitter unterwegs und folge dort hauptsächlich zwei Gruppen von Twitterern: Linguisten und Piraten. Letztere haben seit der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus eine ungeahnte Medienaufmerksamkeit erfahren. Aufgrund ihres gelebten Verhältnisses zu Offenheit kommen von denen weit mehr Fehltritte an die Öffentlichkeit als von anderen Parteien, meist harmlose Geschichten, die aber breit durch die Medien getragen werden. Piraten wissen selbstverständlich um diesen Umstand und machen sich nicht selten darüber lustig. Dies geschieht (u.a.) dadurch, dass diese an sich schon künstlich aufgeblähten Skandälchen ironisierend noch weiter aufgeblasen und zu „Publicity-Katastrophen von Watergate-ähnlichen Ausmaßen“ erklärt werden.

Außerhab des Piratenschiffes jedoch hat sich diese überspitzende Verwendung von -gate-Komposita augenscheinlich noch nicht so stark durchgesetzt.

Das ist aus pragmatischer Sicht interessant, da man hier die Registerabhängigkeit einer Wortverwendung sehen kann. Als Register bezeichnet man in der Pragmatik den außersprachlichen Kontext, in dem eine sprachliche Äußerung getätigt wird: Wer Pirat oder den Piraten medienkritisch nahestehend ist, verwendet -gate-Komposita (i.d.R.) ironisierend, alle übrigen verwenden sie in ihrer ursprünglichen Lesart. (Achtung, stark vereinfachte Darstellung!)

Eine weitere interessante Frage wäre hier, ob diese ironisierende Nebenbedeutung auch im englischen Sprachraum zu beobachten ist, wo -gate ja herkommt.

Phonologie (?)

In meiner Nominierung habe ich die Vermutung geäußert, dass gate-Komposita auch aus phonologischer Sicht interessant sein könnten. Mein Beispiel war Guttengate, der „Skandal“ um die Benennung von Herrn von und zu Guttenberg als Berater der Europäischen Kommission für Fragen, „wie Internetnutzer, Blogger und Cyberaktivisten in autoritär regierten Ländern auf Dauer unterstützt werden können“ (wobei ich mir hier ob der intendierten Lesart von -gate nicht sicher bin…). Ich fand auffällig, dass man nicht *Guttenberggate sagt, sondern guttengate und vermutete, dass -gate ein Morphem ist, das sich an höchstens zweisilbige Wörter anhängt.

Kristin schlug aber eine alternative Erklärung für den Vorzug von Guttengate gegenüber *Guttenberggate vor, die auch mir im nachhinein plausibler erscheint: Es ist eine Analogiebildung zum etablierteren Guttenplag (-Wiki), das damals bei der Aufdeckung des Freiherren dunkler Machenschaften mediale Aufmerksamkeit erlangte und sich im lexikalischen Gedächnis der Sprecher festgesetzt haben dürfte. Auch erscheint mir ein Wort wie Piratengate trotz seiner Mehrsilbigkeit nicht zwangsweise unwohlgeformt; meine überstürtzte Vermutung phonologische Beschränkungen betreffend war also tatsächlich falsch.

Wo die Phonologie allerdings eine (nebengeordnete) Rolle gespielt haben könnte, wäre die Entscheidung, warum sich ausgerechnet -gate durchgesetzt hat und nicht etwa water-. Neben der Tatsache, dass „water“ an sich im englischen viel frequenter ist als „gate“, könnte hier eine Rolle spielen, dass gate mit nur einer Silbe kürzer ist als water und deswegen eher dazu tendiert sich zu verselbständigen als der längere, weil zweisilbige, Bestandteil „water“. Auch hier könnte -gate ein Ansatzpunkt für die Frage sein, ob bei solchen Abspaltungen die (autosegmentale) Länge des sich verselbständigten Teiles tatsächlich eine Rolle spielt, oder nicht.

Zusammenfassung

Es sind nun vier Stunden, sieben Tassen Kaffee und sechs Bildschirmseiten in der voreingestellten Bonsai-Schrift vergangen und ich habe nicht einmal die Oberfläche dessen angekratzt, was man vom Morphem oder Wort -gate ausgehend an sprachwissenschaftlichen Themen anreißen könnte:

  • Man könnte was über gebundene Morpheme schreiben, wie sie entstehen (Das him aus Himbeere stammt z.B. von mhd. *hinde, Hirschkuh ab, ein Wort, das heute allenfalls noch Jägern bekannt sein sollte; Eine Himbeere ist also wörtlich eine Hirschkuhbeere), welche Eigenschaften sie haben, usw.
  • Man könnte von -gate ausgehend über die semantischen Eigenschaften von Eigennamen schreiben und wie, im Fall von komplexen Eigennamen, aufgebaut sein können; Welche Eigenschaften die Bestandteile eines komplexen Eigennamen haben…
  • Welche Entwicklungen ein Wort wie „Watergate“ durchmacht, bevor es zerlegt, verändert und abgewandelt in unserer Sprache als registerabhängiges Morphem für eine ironisierende Lesart verwendet wird;
  • Welche Rolle phonologische Eigenschaften bei Entlehnungen spielen oder auch nicht…

Anglizismus des Jahres 2011?

Zuletzt noch ein paar Worte bezüglich der Eignung von -gate als AjD2011.

Gerechtfertigter Weise wenden sowohl Suz, als auch Kristin, als auch einige Kommentatoren ein, dass -gate mindestens seit 1973 im Deutschen verwendet wird und damit nicht aktuell genug ist, um als AdJ 2011 in Frage zu kommen.

Die Idee, -gate zu nominieren, war, wie oben bereits erwähnt, meinen Twitter-Aktivitäten geschuldet. Dort konnte ich kurz nach der Berlinwahl und der damit verbundenen Medienaufmerksamkeit um die Piraten einen (gefühlten) sprunghaften Anstieg der Verwendung von -gate in der Ironie-Lesart beobachten. Gut möglich, dass diese Entwicklung nur von Leuten nachempfunden werden kann, die die entsprechenden Kanäle verfolgen.

Blendet man Piraten und Piratenähnliche aus, dürfte sich zunächst an der Art der Verwendung und an der Häufigkeit des Auftretens von -gate anno 2011 nicht allzu viel verändert haben.

Betrachtet man auf der anderen Seite nur Piraten und -ähnliche, ist die Häufigkeit im letzten Drittel des Jahres geradezu expoldiert, einhergehend mit dem explosionsartigen Anwachsen der Aufmerksamkeit, die der Partei und ihren Mitgliedern nach Berlin zu Gute kam und dem ebenso schnell wachsenden Aufdecken von kleineren Sauereien seitens der Parteimitglieder.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich will nicht behaupten, dass -gate nur von Piraten, nur ironisierend oder auch nur in Bezug auf die Skandälchen der Partei verwendet wird; doch waren sie die ersten, die -gates in inflationärem Unfang verwendeten, weil sie die ersten waren, die derart oft ein künstliches mediales Aufblasen ihrer Fehltritte verkraften und verarbeiten mussten.

Vielleicht ist genau das ein Argument gegen Adj2011, aber ich prophezeie mal, dass -gate in diesem Jahr noch weit öfter ironisierend verwendet werden wird als noch in den vergangenen Jahren, und das nicht nur von Piraten.

Alternativen?

Auch schon oben kurz erwähnt, sehe ich, was die hier dargelegten Gedanken zum Skandalisierungsmorphem angeht, keinen Unterschied zwischen „-gate“ und seinem Konkurrenten „Occupy“, außer dem der Schreibung (Die relative Ordnung der Bestandteile damit gebildeter Komposita lasse ich mal außen vor…).

Dass ich -gate vorgeschlagen habe, lag schlicht daran, dass mit occupy jemand schneller war. Was die formalen Eigenschaften angeht, kann man alles, was ich hier und anderso über -gate geschrieben habe, 1:1 auf occupy übertragen (’till there’s evidence to the contrary).

Realistisch betrachtet ist Occupy damit mein persönlicher Favorit für den AdJ2011, icht zuletzt weil sich hier nicht die Frage nach der Aktualität stellt, auch wenn ich, anders als bei -gate, befürchte, dass „Occupy“ mit dem sich abzeichnenden Ende der dahinerstehenden Bewegung ebenfalls wieder aus dem produktiven Sprachschatz verschwinden wird. Nicht zuletzt kann man „occupy“ folgerichtig gleichermaßen als Basis für populärwissenschafltiche Linguistik benutzen wie -gate.

Und nur darum geht es (mir) bei der Wahl zum AdJ.


  • 1 Das Deppenappostroph hier, damit man nicht /flaks/ ließt…
  • 2 aka „Kartoffeln“

Umbaupause

12. Dezember 2011 in Allgemeines

Es ist ruhig geworden die letzten Tage, Wochen… na gut, Monate hier. Der Grund ist simpel. Die Seite lupino.org wird im Moment grundsaniert, bekommt etwas mehr Struktur und Ordnung sowie ein anständiges Design.

Da WordPress, die zu Grunde liegende Blogging-Software, in der neuen lupino.org-Version noch weiter in den Untergrund rücken, dabei hinter einer selbstgemauerten Wand aus XML, XSLT, PHP und CSS verschwinden soll und der Code von wordpress… sagen wir mal: nicht gerade dafür geschaffen ist, einen Platz in der zweiten Reihe einzunehmen, wird sich der Umbau insgesamt wohl noch ein wenig hinziehen. Ich rechne damit, dass die neue Aufmachung mit Beginn des neuen Jahres arbeitsfähig sein wird.

Wer den jeweils aktuellen Entwicklungsstand mitverfolgen will, kann das auf test.lupino.org tun.

Ich habe ein Problem mit Firefox

18. Oktober 2011 in Kurioses

…genauer mit der zeichenkodierung. Aus irgendeinem Grund bietet Firefox mir seit einiger Zeit chinesiche Schriftzeichen als Standardschriftsatz an, wenn ich bestimmte Seiten aufrufe, die er so lange beibehält, bis ich die Zeichenkodierung manuell auf UTF-8 stelle. Auch wenn das Häkchen bereits dort ist.

Jedenfalls nichts, womit ich nicht leben könnte. Manchmal, ganz selten, ringt mir diese kleine Fehleinstellung aber auch ein leichtes Schmunzeln von den Lippen, so heute, als ich Tirsales (Alias Sebastian Nerz) Statement zu den NPD-Flüchtlingen bei den Piraten lesen wollte:
Screenshot Tirsales' Blog

(von hier via @Loreena1968 via @Afelia)

Es würde mich sehr trösten, wenn ich nicht der einzige bin, den solche Sicherheitshinweise manchmal spanisch chinesisch vorkommen…

Der Bundestrojaner: Ein Gaul im Wolfspelz

10. Oktober 2011 in Netzpolitik

Da geistert es heute schon den ganzen Tag durch Blogs, Twitter und die übrigen Medien: Der Chaos Computer Club hat ein paar der so genannten Bundestrojaner geknackt und einiges an Details in die Öffentlichkeit abgesondert, hier eine Kurzzusammenfassung des Wichtigsten (via netzpolitik.org).

Dass man ihn als Dritter (d. h. als nicht-B/LKAler oder mutmaßlicher Delinquent) leicht fernsteuern kann, dass er als Schlüssel für die Kommuikation zum Zielserver hin die Sequenz C3PO-r2d2-POE nutzt (Ein Schelm, wer jetzt an „Star Wars“ denkt) oder dass dieser Zielserver bei einem privaten Anbieter in Ohio (USA) steht, sind nur ein paar wenige der Details, die man über den „Bundestrojaner“ im offiziellen Report com CCC nachlesen kann.

Die Empörung folgt sogleich: Fefe schwadroniert in seinem üblichen Stil und empört sich (zu Recht, wie ich finde) über die zurückhaltende Reaktion bei den Piraten, die üblichen RA-Blogger Stadler und Vetter sezieren die vermutete Nicht-Vereinbarkeit der Software mit dem Grund- und anderen Gesetzen und auch das obligatorische Statement der Netzpolitiker darf natürlich nicht ungenannt bleiben.

Markus Beckedahl von Letzteren schrieb heute (okay, gestern…) Nachmittag:

[…]Man kann sich natürlich auch vorstellen, wie die Trojaner-Software programmiert wurde: Wahlweise als Ausschreibung, bei denen Behörden das günstigste Angebot gewählt haben oder selbstprogrammiert von den IT-Experten bei den Sicherheitsbehörden. […] Auch ein Kombination kann man sich vorstellen, dass die Software von einem privaten Anbieter kam und dann niemand in den Behörden in der Lage war, die Sicherheitslücken und die Verfassungswidrigkeit zu erkennen. […]

Ich wäre sehr vorsichtig mit Mutmaßungen, dass die Mitarbeiter des Innenmisinieriums oder wahlweise der Kriminalämter allesamt und ausnahmslos so blöd sind, ein derart stümperhaft geschriebenes und so überhaupt nicht mit den Grundrechten zu vereinbarendes Programmchen allen Ernstes nur zu dem Zweck verbreiten böse Jungs auszuspionieren und ihre eigene Dummheit dann noch nicht einmal merken.

Der moderne Überwachungsstaat überwacht seine Bürger nicht, indem er ihnen auf die Finger oder in den Computer reinschaut, er überwacht ihn durch das Schüren von Ängsten, die ihn berechenbar machen. Er schaut ihnen in die Köpfe.

Ein Teil der Leute, die sich bisher nicht von Horrorgeschichten über Terroranschläge, Tränendrüsendrücken beim Jugendschutz oder drohender Strafverfolgung beim Musikkopieren haben einschüchtern lassen, werden nun Schweißausbrüche bekommen, wenn sie daran denken, welche Hintertüren in der Hintertür in einem vom BKA eingeschleusten Programm ihre virtuelle Integrität stören könnten. Auch vor der Imkompetenz, egal, ob berechtigt, kann man sich fürchten. Einen Eindruck dieser Furcht bekommt man, wenn man sich die vielen Beiträge zum Thema anschaut. Mich würde es nicht wundern, wenn die geheimnissvollen Whistleblower, die ihre Festplatten an den CCC geschickt haben, letztlich ihre Gehaltschecks vom BKA beziehen (Ist das jetzt eigentlich eine Verschwörungstheorie?).

Markus Beckedahl hat also völlig recht, wenn er weiter schreibt:

Es ist dieses diffuse Gefühl der Angst und Ohnmacht

Mission accomplished, Herr Innenminister!

Die Sache mit der Einen Sprache

28. September 2011 in Linguistische Debatten

In einem meiner vorherigen Posts habe ich die Frage in den Raum geworfen, ob man zu Treffen linguistischer Aussagen mehrere Sprachen braucht, oder ob es ausreicht, sich auf eine oder wenige Einzelsprachen zu stützen. Um es vorweg zu nehmen: Ich werde diese Frage hier (noch) nicht beantworten, ich möchte hier nur eine mögliche Motivation für die „Eine-Sprache-reicht“-Variante erläutern. Read the rest of this entry →

Zwischenstop (4)

20. September 2011 in Allgemeines

Immer wieder erstaunlich finde ich die Tabelle, über welche Suchbegriffe die Leute hier so landen.

Die bisherigen Highlights:

  • lupino
  • lupino.org
  • freiheit
  • comic autistisches kind (?)

und mein absoluter Favorit:

  • angeritzte Halsschlagader (?!?)

Up: ich frag mich, welche Leute sowas in die Suchmaschine eintippen. Die einfachere Lösung wäre: Notarzt rufen!

Sind Sie ein grammatikalisches Phänomen?

15. September 2011 in Linguistische Debatten

Im Juni dieses Jahres hielt Christopher Hall, der an der Universität Joensuu in Finnland Germanistik lehrt, ein Seminar zum Thema „kontrastives/interkulturelles Anredeverhalten“.

Dabei stellte er für verschiedene Sprachen vor, wie Anreden in Abhängigkeit vom sozialen Status des Angesprochenen grammatikalisch realisiert werden. Was mir dabei auffiel, und auch auf Nachfrage nicht wiederlegt wurde, war, dass in allen vorgestellten Sprachen die Höflichkeitsformen „geklaut“ sind, das heisst, in allen diesen Sprachen verwendet man bestehende grammatikalische Strukturen um Höflichkeit auszudrücken, die auch in anderen Kontexten auftauchen, die nicht mit dem Kriterium der Höflichkeit in Verbindung stehen.

Ein Blick ins Deutsche verdeutlich das: Wenn ich einen mir Fremden nach Feuer frage, weil mal wieder der Zündstein meines Feuerzeugs rausgesprungen ist, spreche ich ihn mit „Tschuldiung, haben Sie mal Feuer?“ an, ich verwende also das Pronomen Sie um ihn anzureden. Sie ist, wenn ich es nicht für eine Anrede benutze, das Pronomen der 3. Person Plural, ich verwende es ansonsten, wenn ich über eine Gruppe (von mehreren) Dritten spreche, die ich nicht direkt anrede. (Die stehen da so rum, können Sie nicht einfach weggehen?)

Wenn ich das Sie als Pronomen verwende, ändert sich noch etwas anderes im Satz: Auch am Verb spiegelt sich seine Verwendung wieder. Würde die Höflichkeitsform im Deutschen nur am Pronomen liegen, wäre „*Hast Sie mal Feuer“ völlig Okay, in Analogie zum vertraulichen „Hast Du mal Feuer?“. Statt dessen passt sich das Verb „haben“ an das verwendete Pronomen an: „Haben Sie mal Feuer?“

Früher einmal waren weitere Formen im Deutschen gebräuchlich um Respekt oder Ansehen dem Angesprochenen gegenüber zu heucheln. „Habt Ihr mal Feuer“ war damals und ist heute noch in einigen Dialekten üblich als Anrede eines Einzelnen. Selbst das archaische „Hat Er mal Feuer“ konnte in bestimmten Kontexten einen direkt Angesprochenene meinen.

Was alle diese Formen der Respektbezeugung gemein haben ist die Tatsache, dass auf anderswärtig bestehende Strukturen zurückgegriffen wird. Im Deutschen ist es das Anredepronomen, das eigentlich seine ureigene Bedeutung innehat (Sie als Pronomen der dritten Person, Plural; Er als Pronomen der dritten Singular; Ihr als Pronomen der 2. Plural, usw.), aber in bestimmten Fällen mit der Bedeutung von „du“ versehen wird, also der direkten Anrede des Zuhörers. Mit anderen Worten, die Bedeutung „Du als Zuhörer bist gemeint“ wird bei höflicher Anrede auf bereits bestehende, andere Formen übertragen.

Und zwar ausschließlich. Was es im Deutschen nicht gibt, ist ein „genuin höfliches“ Pronomen, das nur (und ausschließlich) bei der Anrede eines dem Sprecher sozial höher Gestellten verwendet wird und das mit seiner eigenen Veränderung am Verb einhergeht. Konstruieren könnte man sowas ohne Probleme: Sagen wir, das Pronomen „Ju“ ersetzt das formelle „Sie“ bei der Anrede und die entsprechende Verbform, zum Beispiel für das Verb „haben“, wäre „habest“ (für „gehen“ „gehest“, für „lachen“ „lachest“, usw.), das Eingangsbeispiel würde also lauten: „Habest Ju mal Feuer“. Nirgends sonst wird „ju + est“ verwendet, als für die höfliche, formelle Anrede. „du + st“ bliebe die informelle Anrede, „sie + en“ einzig das Pronomen für die Dritte Person Plural.

Doch genau das gibt es nicht, und zwar — wie es mir nach dem Hall-Vortrag scheint — in keiner Sprache, in der man formelle und informelle Anredeformen unterscheidet: In allen diesen Sprachen werden bestehende, andere, Formen kontextuell „zweckentfremdet“ um Höflichkeit zu heucheln.

Die semantisch-pragmatische Kategorie „Höflichkeit“ ist dann ein Problem der Sprachverwendung, keines der Grammatik. Wenn man diese Überlegung weiterführt, kommt man unweigerlich auf die Frage, welche Kategorien, die sich semantisch unterscheiden lassen, dann überhaupt in der Grammatik einer Sprache/in Grammatik allgemein eine Rolle spielen.

Eine grammatische Strukur, die „ich bin dritte Person Plural“ sagt, kann unter bestimmten Voraussetzungen (s.o.) die Bedeutung „Ich bin eigentlich zweite Person Singular“ tragen. Was sagt uns das über Kategorien wie Person und Numerus? Ist Numerus wirklich eine einzige Kategorie die sowohl auf der Form- als auch auf der Bedeutungsebene eine Rolle spielt, oder ist es letztlich nicht eine rein semantische Kategorie, die in vielen, aber bei weitem nicht allen Fällen, mit einem grammatikalisch realisierten abstrakten Merkmal einhergeht, von dem es aber ansonsten völlig unabhängig existiert?

Letzteres entspricht inzwischen meiner Überzeugung: Grammatikalische Merkmale und semantische Kategorien sind stets zwei Paar Schuhe. Es gibt Mechanismen, die beide Gruppen von Kategorien miteinander in Beziehung setzen, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind, ansonsten existieren sie neben- und unabhängig voneinander. Zwei Fragen bezüglich der Methodik diese Behauptung zu belegen, beschäftigen mich dabei besonders:

  • Reicht es, bestimmte Phänomene in einzelnen Sprachen zu betrachten, um die vermeintliche Idendität zwischen Form und Bedeutung im Bezug auf eine einzelne Kategorie aufzulösen, oder ist dafür ein Blick auf das „Große Ganze“ nötig? Mit anderen Worten, ist eine Untersuchung aller Sprachen nötig um zu zeigen, dass „Höflichkeit“ kein grammatikalisches Problem ist, oder reicht dazu ein Blick auf’s Deutsche?
  • Wieviel Evidenz ist überhaupt gefragt? Ist es argumentativ ausreichend, die Nichtidentität zwischen Form und Bedeutung zu zeigen, indem man nachweist, dass ein bestimmtes grammatikalisches Phänomen mit mehr als einer Bedeutung verwendet wird? Also, reicht das Beispiel „Sie“ eigentlich aus um den systemischen Unterschied zwischen der semantischen „dritten Person“ und der grammatikalischen „dritten Person“ zu zeigen? Wenn nicht, was ist noch nötig?

Wenn ich irgendwann mal Zeit habe, werde ich die Problematik hinter beiden Fragen etwas näher erläutern.

Linguistische Parawissenschaft

1. September 2011 in Linguistik in der Öffentlichkeit

Im DRadio „Wissen“ gab es heute einen Beitrag über die netzinterne Rezeption der Titelgeschichte der Augustausgabe der GEO über „Medizin und Alternativmedizin“ (im weiteren: Pseudo-Medizin).

Über die ganze Pseudo-Medizin-Geschichte gibt es inzwischen Blogbeiträge, Diskussionen und Facebook-Kommentare wie Sand am Meer. Auch ich habe zu der ganzen Problematik eine Meinung, darf und will sie aber aus vornehmlich beruflichen Gründen hier und anderswo nicht breittreten. Außerdem gibt es nichts, was nicht schon über das Thema gesagt und geschrieben wurde; eingestreute Links sind selektiv.

Mir geht es um etwas anderes, gehört in oben verlinktem Beitrag (im mp3-Mitschnitt, nicht im Begleittext). Die Hintergründe dürften bekannt sein: Sprachlogger Anatol Stefanowitsch hat in einem aktuellen Beitrag die Wortwahl der GEO-Autorin genauer unter die Lupe genommen. Dafür wurde er von den DRadio-Moderatoren mit einer Nennung bedacht, hier eine (eigene) Transkription der entsprechenden Sequenz (Beginnend bei Minute -1:42):

A: Manche andere wiederum, ein Blogger hier, der analysiert die GEO-Antwort bis ins letzte Detail. Etwa Anatol Stefanowitsch, er betreibt das Blog „Sprachlog“ und ana- analysiert dort Personen und Dinge anhand ihrer- Sprache; also der nimmt- nimmt dem- den GEO-Facebook-Eintrag so Wort für Wort auseinander-[saugt deutlich hörbar Luft ein]

B: Klingt für mich allerdings auch’n bisschen nach Parawissenschaften, diese Sprachwissen- Analyse- Und insgesamt* klingt’s einfach n bisschen nach Besserwisserei

A: Ja, den Eindruck könnte man in der Tat bekommen. Also auf der einen Seite da analysieren die Wissenschaftsblogger wirklich jedes einzelne Wort- zurzeit aber- Journalismus ist ja manchmal nicht- kann nicht zu hundert Prozent genau sein damits verständlich bleibt. könnte man jetzt entgegenhalten, aber auf der anderen Seite kommen bei der Analyse auch Behauptungen ans Licht, die wohl einfach falsch sind, das zumindest sagen die Blogger, und dann hätte es ja auch schon wieder ne Berechtigung.

B: Und das wollen wir natürlich nicht, dass da falsche Sachen verbreitet werden. [-0:50]

Aus dieser knapp einminütigen Sequenz könnte man nun eine Menge herauslesen:

Beispielsweise, dass Wissenschaftsjournalismus nicht 100 %ig korrekt sein muss, solange jeder Depp was versteht. Aus rein wirtschaftlicher Sicht kann ich diesen Standpunkt sogar nachvollziehen: ein zu 100 % korrekter populärwissenschaftlicher Beitrag würde wohl nur von den Leuten gelesen werden, die den beschriebenen Sachverhalt auch ohne das populär- verstehen würden und demnach keine Populärwissenschaft bräuchten. In jeder anderen Hinsicht ist diese Aussage jedoch nicht nur unsinnig sondern auch noch gefährlich, da sie leicht verdaulichem Halbwissen und „wir machen uns die Welt wide-wiede-wie sie uns gefällt“ Tür und Tor öffnet. Eine solche Einstellung zur Korrespondenz wissenschaftlicher Themen ist gerade der Grund für eine so unreflektierte Verbreitung von sowas wie Pseudo-Medizin. Der Kreis schließt (sich?).

Die zweite Botschaft wäre wohl, das Wissenschaftsblogger, in der Regel selbst Wissenschaftler, Besserwisser sind. In diesem speziellen Fall wäre ich durchaus geneigt, dem Recht zu geben: Wer, wenn nicht die Wissenschaftler selbst, soll es denn besser wissen als andere? Wäre ich so jemand, würde ich den Begriff „Konnotation“ punktuell vergessen und den Titel „Besserwisser“ mit Stolz und Würde vor mir hertragen!

Eine dritte Sache, die man aus der Passage rauslesenhören könnte, wäre wohl der Vorwurf, gegen Wissenschaftler gerichtet, zu sehr detailverliebt zu sein und den Blick für das Große und Ganze aus den Augen zu verlieren. Spätestens hier wird offensichtlich, dass die beiden Moderatoren keine Ahnung von wissenschaftlicher Arbeit haben (war das allgemeingültig genug?). Keine noch so ganzheitliche Theorie ist auch nur einen Pfifferling wert, wenn sie in vielen kleinen Detailfragen keine prüfbaren Vorhersagen machen kann. Gerade deswegen ist es wichtig, die kleinen Dinge genau im Auge zu behalten, sei es bei der Beobachtung von Sonnenerruptionen oder bei der Analyse geschriebener Texte. Vielleicht wird das bei einem praxisnäherem Beispiel deutlich: Der Fall ist klar, wenn der Kommissar an den Tatort kommt, wo der Täter dem noch nicht ganz toten Opfer die Hand an die Gurgel presst. Dass der Mann dem Verblutenden die angeritzte Halsschlagader zudrückt ist… Was für eine Korintenkackerei…

Die vierte Sache, die man aus der oben transkribierten Passage rauslesen könnte, wäre die erstaunliche unser Weltbild verändernde Tatsache, dass man Dinge anhand ihrer Sprache analysieren kann. Bisher ist es noch nicht einmal gelungen einem Tier Sprache beizubringen, aber gleich Dingen? Das wäre in der Tat eine Sensation, meine ich. Außer vielleicht… Nein, mein angeborener Optimismus verbietet mir hier die Lesart, dass die Moderatoren bestimmte Menschen auf Objekte reduzieren und das auch noch so gemeint haben könnten (mein linguistisches Analysevermögen bestärkt mich in diesem Fall in meinem Optimismus).

Apropos linguistisches Fachwissen: Das fehlt den Moderatoren ohne jeden Zweifel, die, vielleicht sollte ich das nochmal hervorheben, bei einem Sender, der sich DRadio Wissen nennt, arbeiten! Anatol Stefanowitsch indirekt als jemanden zu bezeichnen, der eine Parawissenschaft betreibt ist schon ziemlich harter Tobak, zumal Moderator B mit keiner Silbe den Eindruck erweckt, Anatols Beitrag zu kennen. Aber auch A, der den Beitrag dem anderen „vorgestellt“ hat, macht keinerlei Anstalten ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Der Betroffene hat bereits in einem Kommentar Rechenschaft eingefordert. Ich schließe mich seiner hoffnunsvollen Erwartung einer Antwort an.

Sein Ego mal außer Acht gelassen, führt mir diese Passage aber noch ein anderes Problem direkt vor Augen: Beide Moderatoren haben offensichtlich keine Ahnung, worum es in der Sprachwissenschaft überhaupt geht. Mit ihrer Unkenntnis ist das Moderatorenduo nicht allein. Ich habe schon sehr oft mit dem Gedanken gespielt, ein Sachbuch mit dem Titel „Die Allgemeine Sprachwissenschaft. Was das ist, was man damit macht und welche Sprachen man nicht spricht.“ zu schreiben, weil es mir irgendwann zu blöd wurde, immer wieder die gleichen Antworten auf die gleichen Großen Drei Fragen („Was ist Sprachwissenschaft?“ „Welche Sprachen sprichst du?“ und „Was kann man damit später mal machen?“ bzw. „Wem nutzt das denn?“) geben zu müssen.

Let’s face it, die Linguistik ist ein Fach, mit dem keiner was anfangen kann, der nicht entweder von Haus aus sonderbar ist oder der gezwungenermaßen damit konfrontiert wird, beispielsweise ein Germanistikstudent im Grundstudium. Ich mache daraus nicht (nur) dem Laien einen Vorwurf, sondern auch unsereinem (und mir selbst vor allen anderen).

Bis heute haben es Sprachwissenschaftler nicht wirklich auf die Reihe gekriegt, ansprechend die Vielfalt und das breite Spektrum ihrer Arbeit der breiten Masse schmackhaft zu machen; bei ihr Interesse an Sprache und vor allem an der Erforschung ihrer Strukturen zu wecken.

Bei wohl den meisten Menschen wird das sprachwissenschaftliche Themenspektrum auf die grammatische oder pragmatische Analyse isolierter lexikalischer Ausdrücke Ausdrücke, die Auseinandersetzung mit Sprachkritik und/oder auf das Themenfeld der etymologischen Bedeutungsbestimmung reduziert. Sprachwissenschaftler tun sich jedoch aus irgendwelchen Gründen schwer damit, auch die Hintergründe und Methoden dieser eher marginal relevanten Teilgebiete ins Licht der Öffentlickeit zu rücken. Doch gerade die sind es, die einen gewichtigen Anteil an linguistischer Kernarbeit ausmachen und sich in allen wichtigen Bereichen wieder finden lassen. Von daher kann ich durchaus nachvollziehen, wie man als Außenstehender bei einer solchen nur oberflächlich interessant gemachten Themenwahl, deren Mittel, Wege und Grundlagen für Schlüsse für ihn im Verborgenen bleiben, die Linguistik für eine „Parawissenschaft“ halten kann.

Was aber keinesfalls heißen soll, dass man als Journalist, der in aller Öffentlichkeit eine Aussage über ein Fach trifft, ein „Außenstehender“ in eben diesem Fach sein sollte! Dann lieber dem Dieter Nuhr folgen und „einfach mal Fresse halten“.


* „insgesamt“ bezieht sich hier auf die Gesamtheit der (wissenschaftlich/kritischen) Rezensionen des GEO-Artikels im Netz.
Der Bezug zu den Parawissenschaften ergibt sich aus den vorangehenden Teilen des Beitrags, speziell auf das Akronym der GWUP e.V.: Gesellschaft zur Wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften, deren Vorsitzender zu den Kritikern des Artikels gehörte.^

Freiheit

25. August 2011 in Allgemeines

Dieses leidige F-Wort wird mittlerweile so inflationär gebraucht, dass ihm jegliche Bedeutung abhanden zu kommen droht. Hier deswegen mal meine Sichtweise:

Für die meisten Leute bedeutet „Freiheit“ heute, dass sie aus zwanzig verschiedenen Haarpflegeprodukten dasjenige auswählen können, das am besten zu ihrer Tönung passt.

Für mich bedeutet Freiheit, jedem zu ermöglichen, das zu tun, was er für wichtig erachtet.

Wir leben in einer Gesellschaft, die uns stets eine Wahl lässt. Doch sind wir innerhalb der uns zur Verfügung stehenden Optionen eingezwängt. Wenn wir uns „frei“ zwischen A und B entscheiden können, wird es schwer, den Weg C durchzusetzen. Doch gerade das ist es, was Freiheit in meinen Augen ausmacht: Nicht an eine von mehreren Vorgaben gebunden zu sein, sondern grundsätzlich alles tun zu können, auch Dinge, die oder deren Konsequenzen vielleicht nicht vorherseh- oder vorhersagbar sind oder die niemandem außer mir selbst einen offensichtlichen Nutzen bringen.

Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man diese grundanarchistische Haltung mit dem Totschlagargument „Dann müsste ja jeder das Recht haben, den anderen einfach abzuknallen“ kontern. Nein, denn damit nimmt der Abknallende dem Abgeknallten das Recht, das zu tun, was dieser für richtig erachtet. Dies ist keine Einschränkung, sondern folgt direkt aus meiner Definition von „Freiheit“.

Auch muss dieser Freiheitsbegriff nicht einmal die Abschaffung staatlicher Strukturen implizieren, solange „der Staat“ dafür garantiert, dass jeder Bürger innerhalb dieser Struktur seine Freiheiten ausleben kann. Beispielsweise indem er es ihm ermöglicht, frei von existenziellen Ängsten mit voller Aufmerksamkeit seinen Neigungen und Interessen nachzugehen.

Mehr noch halte ich eine rational denkende Führung für unbedingt notwendig. Ich will keinen Mob von Bildzeitungslesern und derengleichen, die in ihrer Mehrheit die Todesstrafe für Steinewerfer auf Maidemonstrationen durchsetzen oder politische Entscheidungsgewalt bei Leuten, die das Wort „Gutmensch“ als Beleidigung zu verwenden pflegen. Ich kriege ja teilweise schon Angstzustände, wenn ich mir überlege, dass manche Kommentatoren unter Blogbeiträgen zu kontroversen Themen über das aktive Wahlrecht verfügen.

Es mag erscheinen, dass es ein Widerspruch ist, einserseits die volle Freiheit des Einzelnen zu fordern, gleichzeitig aber Einzelnen politische Entscheidungsgewalt abzusprechen. Doch Politik ist nichts anderes, als Entscheidungen für Viele zu treffen, was per se immer ein Eingriff in die Freiheiten des Einzelnen darstellt. In einer freien Gesellschaft, wie ich sie mir vorstelle, übernimt „der Staat“ ausschließlich die Aufgabe, die Freiheiten des Einzelnen zu gewährleisten. Politik als solche wäre darin überflüssig.

Wer mich jetzt in eine neoliberale Ecke stellen will, dem sei vorsorglich gesagt, dass der Anspruch auf Unterstützung beim Ausleben ihrer Freiheiten natürlich auch denen gilt, sie sich bewusst einem Abhängikeitsverhältnis zu einem Arbeitgeber verweigern.

So, genug geträumt. Als nächstes kommt wieder was Linguistisches, wenn auch in weiter Ferne.

Zwischenstop (3)

20. Juli 2011 in Allgemeines

Ein xkcd-Comic, der mir arbeitstechnisch aus der Seele spricht:

Original unter CC-BY-NC-2.5-Lizenz von xkcd.com

Für alle, die schonmal versucht haben, die EPUB-Version eines Buches so zu formatieren, dass es auf Kindle, iPad und ADE genau so aussieht wie die gedruckte Vorlage…